WEISSE BÜFFELKALBFRAU

Die Weiße Büffelkalbfrau

Eine Botschaft des Friedens

Es gibt Geschichten, die älter sind als unsere Namen für sie. Die Geschichte der Weißen Büffelkalbfrau gehört dazu. Sie kam, als die Menschen vergessen hatten, wie man miteinander lebt – und sie brachte nicht Waffen, nicht Gesetze, nicht Strafe. Sie brachte eine Pfeife. Sie brachte den Frieden.

Vor langer Zeit, so erzählen die Lakota, hungerten zwei Männer auf der Jagd und begegneten einer Frau von überirdischer Schönheit. Sie war weder Mensch noch Geist – sie war Botschafterin des Großen Geistes, des Wakan Tanka. Zu den beiden Männern sprach sie zwei sehr unterschiedliche Botschaften, denn sie war beiden begegnet: dem einen, der in Begierde dachte, und dem anderen, der in Ehrfurcht stand. Wer mit reiner Absicht kommt, empfängt Lehre. Wer mit unreiner Absicht kommt, erfährt die Folgen seiner selbst.

Und zu dem Mann mit dem reinen Herzen sprach sie: „Ich bringe euch die heilige Pfeife. Mit ihr sollt ihr beten. Mit ihr sollt ihr Frieden schließen. Mit ihr sollt ihr daran denken, dass alle Dinge verbunden sind."

Die heilige Pfeife

Die Chanunpa – die Friedenspfeife – ist kein Symbol. Sie ist eine heilige Handlung, die man mit den Händen vollzieht:

  • Der rote Catlinit aus der Erde – der Pfeifenkopf aus dem heiligen Stein der Erde. Er trägt die Farbe des Blutes, der Erde, des Lebens.
  • Der Holzschaft aus der Berberitze – gewachsen, gestreckt Richtung Himmel. Er verbindet die Erde mit dem Geist.
  • Der Tabak – der Rauch, der aufsteigt. Gebet in sichtbarer Form. Alles, was in den Rauch gelegt wird – ein Gedanke, ein Wunsch, ein Name – steigt hinauf zum Großen Geist.
  • Die Federn am Schaft – Flügel zwischen Himmel und Mensch, Geschenk der Vogelwelt.

Jedes Mal, wenn die Pfeife angezündet wird, geschieht dasselbe: Himmel und Erde werden in zwei Händen verbunden. Der Mensch, der sie hält, ist nicht größer und nicht kleiner – er ist Teil des Ganzen.

Was die Friedenspfeife bedeutet
1. Verbundenheit

Der Rauch kennt keine Grenzen. Er steigt für alle auf – für Menschen, Tiere, Wasser, Steine. Wer die Pfeife raucht, betet nicht nur für sich. Er bestätigt: Ich bin Teil des Ganzen.

2. Frieden beginnt im Inneren

Bevor zwei Gruppen Frieden schlossen, rauchte jede Person für sich – zuerst mit sich selbst, mit dem Großen Geist, mit der eigenen Wahrheit. Frieden nach außen setzt Frieden nach innen voraus. Wer mit sich im Krieg liegt, kann keinen wahren Frieden stiften.

3. Wahrheit statt Täuschung

Mit der Pfeife in der Hand spricht man nicht falsch. Vor dem Großen Geist, vor allen Gliedern der Schöpfung, in Sichtweite des aufsteigenden Rauchs – hier hat Lüge keinen Platz. Die Friedenspfeife begründete eine Kultur der verbindlichen Wahrheit.

4. Den Kreis ehren

Die Pfeife wird im Kreis gereicht. Der Kreis kennt kein Oben und kein Unten. Jede Stimme zählt, jede Hand hält dasselbe Heiligtum. Entscheidungen, die im Kreis der Pfeife getroffen wurden, trugen das ganze Gemeinwesen.

Die Prophezeiung des weißen Büffels

Als die Weiße Büffelkalbfrau ging, versprach sie wiederzukehren – in einem anderen Gewand, wenn die Zeit reif sei. Und sie hinterließ ein Zeichen: Seit 1994 wurde mehrfach ein weißes Büffelkalb geboren – ein seltenes, heiliges Ereignis, das in der Tradition der Lakota als Hinweis gedeutet wird: Die Zeit der Wiederkehr der Botschaft ist da.

Die Prophezeiung sagt: Das weiße Büffelkalb erinnert die Menschheit daran, Frieden zu schließen – mit sich selbst, untereinander und mit der Erde. Nicht als frommen Wunsch, sondern als lebendige Praxis, Pfeife um Pfeife, Entscheidung um Entscheidung.

„Die Weiße Büffelkalbfrau ist nicht vergangen. Sie lebt im Herzen eines jeden, der Frieden wirklich will."

Eine Trommel, eine Pfeife – und ich

Manche Geschenke verändern ein Leben. Ich durfte eines empfangen: eine Trommel der Weißen Büffelkalbfrau, übergeben von vier Schamaninnen und einer Seherin. Mit dieser Trommel trage ich die Ehre und die Aufgabe, ihre Klänge des Friedens zu spielen und in die Welt zu tragen.

Trommeln sind dabei mehr als Instrumente – sie sind Stimmen. Und eine Trommel antwortet der anderen:

Wenn auf jedem Kontinent eine Trommel tönt, schwingen sich die weiteren Trommeln auf jedem Kontinent mit ein.

So entsteht, was man mit Händen nicht greifen kann: ein Feld des Friedens, das sich über die Erde spannt und alles umgibt, was darin lebt. Jeder Trommelschlag ist ein Samenkorn in dieses Feld. Jeder, der lauscht, wird Teil davon.

Und ich habe eine grüne Friedenspfeife. Grün – die Farbe der Heilung. Ihr Schaft ist aus einer Wurzel gefertigt: aus dem Teil des Baumes, der unter der Erde wächst, der die Tiefe kennt, das Verborgene hält und dabei Richtung Licht wächst. Wer aus der Wurzel raucht, raucht mit dem, was trägt. Heilung und Frieden – hier sind sie eins.

Frieden als Weg, den ich seit meinem 10. Lebensjahr gehe * nicht als Ziel sondern als Ausrichtung

Die Botschaft der Weißen Büffelkalbfrau lädt uns ein zu einem Frieden, der nicht aufhört, wenn er geschlossen ist:

Frieden ist ein Kreislauf – er will immer wieder neu geraucht, neu gesprochen, neu gelebt werden.
Frieden ist heilig – nicht beliebig, nicht verhandelbar im Kern seiner Wahrheit.
Frieden ist verbunden – mit der Erde, mit den Tieren, mit den kommenden Generationen.

Hier darf Frieden beginnen wie mit der Pfeife: erst mit dir selbst, dann im nächsten Kreis, dann über die Welt.

Hanhepi waste – möge der Frieden dich in jeder Nacht und jedem Tag begleiten.

Quellen und Vertiefung
  • Mündliche Überlieferung der Lakota, u. a. erzählt von Lakota-Ältesten (Black Elk, The Sacred Pipe)
  • Wallace Black Elk & William S. Lyon, Black Elk: The Sacred Ways of a Lakota
  • Joseph Epes Brown, The Sacred Pipe: Black Elk's Account of the Seven Rites of the Oglala Sioux