wahres menschsein
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von Herz zu Herz

Wahres Menschsein
Im zyklischen Sein mit wahrem Facettenreichtum
Es gibt ein Bild von Menschsein, das uns von klein auf eingeimpft wird: linear, optimiert, jederzeit funktionierend. Erst wachsen, dann leisten, dann Ruhestand. Immer nach vorn, niemals zurück. Doch das wahre Menschsein folgt keinen Geraden. Es folgt Kreisen.
Wir sind zyklische Wesen und Teil der Natur.
Wie der Mond sich wandelt, wie die Jahreszeiten einander ablösen, wie die Wildnis atmet, so atmet auch unsere Seele: Es gibt Zeiten des Aufblühens und Zeiten des Rückzugs, Phasen hellen Schaffens und Phasen stiller Reifung, Momente, in denen wir unsere Stimme erheben – und Momente, in denen wir lauschen müssen. Keine Phase ist wertvoller als die andere. Jede gehört zum Ganzen.
Clarissa Pinkola Estés beschreibt in Die Wolfsfrau diese ursprüngliche, zyklische Kraft der weiblichen Psyche als die Wilde Frau – die wilde Natur, die in jedem von uns lebt. Sie ist nicht unzähmbar im Sinne von Chaos, sondern wild im Sinne von eigentlich, instinkthaft, lebendig. Sie ist die Kraft, die uns sagt, wann es Zeit ist zu gehen und wann zu bleiben, zu sprechen und zu schweigen, zu gebären und loszulassen.
Zyklisch statt linear
Die alten Märchen und Mythen, die Estés auslegt, erzählen alle dieselbe Wahrheit in unzähligen Variationen: Leben ist ein Kreislauf aus Werden, Vergehen und Wiederkehr.
- Der Zyklus des Gehens und Zurückkehrens – wie die Robbenfrau, die ihr Fell zurückholt: Manchmal müssen wir unser Eigenstes wiederfinden, das wir abgelegt haben, um den Erwartungen anderer zu genügen. Die Rückkehr ist keine Schwäche, sie ist eine Initiation.
- Der Zyklus des Sterbens und Neugeborenwerdens – wie Skeledzhí, die Knochenfrau, die in der Wüste die verstreuten Knochen sammelt und über sie singt, bis das Wesen wieder lebendig wird. Auch in uns gibt es verlorene, verschüttete Anteile. Sie sind nicht tot – sie warten darauf, dass wir über sie singen.
- Der Zyklus des Sammelns und des Hütens – die Intuition ist wie ein unterirdischer Fluss. Wer regelmäßig hinabtaucht, in die Stille, in die Träume, in den Körper, der schöpft daraus eine Kraft, die kein Kopf allein hervorbringen kann.
Zyklisch zu leben heißt: Die dunklen Zeiten nicht als Fehlfunktion verstehen, sondern als Winter, in dem die Wurzeln wachsen. Es heißt, das Sterben des Alten nicht zu fürchten, weil es der Humus des Neuen ist.
Facettenreichtum: Wir sind viele * auch in Dir.
Wahres Menschsein ist nicht EIN Ton – es ist ein ganzes Spektrum. In uns leben die Verschlossene und die Wilde, die Hüterin und die Kriegerin, die Naive und die Weise, die Liebende und die Alleingängerin. Estés zeigt in ihren Archetypen und Märchenfiguren diese Vielfalt:
- Die Wilde Frau – instinktsicher, grenzenklar, lebendig
- Blaubeards Gemahlin – die neugierig wird auf das Verbotene und dadurch die Wahrheit über die toten Frauen im Keller findet: was wir nicht ansehen, beherrscht uns
- Vasilisa mit der Puppe – die die Intuition in der Tasche trägt und bei Baba Jaga lernt, dass Dienst am Unbekannten uns weise macht
- Das Mädchen ohne Hände – die trotz Verstümmelung, trotz all dem, was ihr genommen wurde, wieder ganz wird
Diese Facetten sind keine Widersprüche, die es aufzulösen gilt. Sie sind unsere Tiefe. Wer nur eine Seite leben darf, wird zur Hälfte eines Menschen. Wer alle Facten kennt und annimmt, wird ganz – mit Rissen, mit Gold, mit Wut und mit Zartheit.
Was wahres Menschsein bedeutet
Wahres Menschsein heißt also:
1. Den eigenen Rhythmus ehren. Nicht die eigene Wildheit zähmen, um gefällig zu sein – sondern die inneren Zyklen achten: Zeit zum Handeln, Zeit zur Ruhe, Zeit zum Trauern, Zeit zum Tanzen.
2. Alle Facetten leben dürfen. Wut und Milde, Kraft und Verletzlichkeit, Alleinsein und Bindung – keine Facette ausgrenzen. Was wir verstoßen, kehrt als Schatten zurück; was wir umarmen, wird Stärke.
3. Regelmäßig hinabsteigen. In die Tiefe tauchen – durch Träume, Stille, Natur, Kunst – und mit der eigenen Seele reden. Dort unten wartet die Instinktnatur mit klaren Antworten.
4. Das Wilde nähren. Spaziergänge ohne Ziel, Singen ohne Publikum, Schreiben ohne Zensur, Weinen ohne Scham. Die wilde Natur wird durch kleine, regelmäßige Rituale lebendig gehalten.
5. Verlorenes zurückholen. Was wir unterwegs abgelegt haben – unsere Begeisterung, unsere Stimme, unser Fell – kann jederzeit zurückgeholt werden. Es ist nie zu spät für die Rückkehr zum Eigenen.
Ein Lebenszyklus als Kreisspirale
Einladung
Wahres Menschsein ist keine Leistung. Es ist eine Erinnerung * eine Rückkehr in unsere wahre Natur.
Zurück zum Zyklus, in dem Dunkelheit und Licht einander brauchen. Zurück zur Vielfalt, in der jede Facette einen Platz hat. Zurück zu dem, was Estés die instinktnahe Seele nennt: die Wolfsfrau in uns, die weiß, wie man lebt – weil sie das Leben selbst ist.
Hier darfst du Spiralkreise spüren.
Hier darf der Winter Winter sein.
Hier darfst du viele sein.